Dieses Forum dient dem Austausch über Projekte, die sich mit dem Dichter und Naturforscher Adelbert von Chamisso (1781-1838) beschäftigen. Wenn Sie Chamisso-Projekte vorstellen möchten, Unterstützung suchen oder Veranstaltungen ankündigen wollen, können Sie das auch als nicht registrierter Nutzer tun: Schicken Sie bitte eine Mail mit Ihren Informationen und Fragen an den Webmaster Michael Bienert.
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Samstag, 4. Oktober 2025

Gelegenheit macht Dichtung - Aufsatz von Peter Sühring in "Musik und Ästhetik"

In der Zeitschrift "Musik und Ästhetik" (24/ 4/2025) ist ein Aufsatz von Dr. Peter Sühring erschienen, der sich der "Weite und Vielfalt der okkasionellen Schreibweise" in Chamissos Lyrik widmet. Interessant sind auch Hinweise auf die Rezeption Chamissos bei dem Komponisten Niolaus von Reznicek und dem Schriftsteller Dieter Kühn, der in seinem letzten Buch "Die letzte Woge" den Besuch in der Chamisso-Ausstellung des Kreuzbergmuseums im Jahr 2004 verarbeitete.

Hier ein Abstract des Verfassers zu seinem Aufsatz:

Ausgehend von Musik zu Sujets von Chamisso (real: Schumanns Vertonung des Zyklus Frauen-Liebe und Leben und Rezniceks Chamisso-Variationen fiktiv: die erfundene Zusammenarbeit zwischen Franz Xaver Mozart und Chamisso für eine antikolonialistische Oper) werden Besonderheiten in der lyrischen Produktion Chamissos betrachtet. Sie ist von einem mehrdeutigen Problembewusstsein über französisch-preußische, adelig-bürgerliche oder wissenschaftlich-künstlerischen Doppelidentitäten in der Person des Dichters geprägt, mit denen er sich abzufinden bemüht. Zwar findet er den Weg zum Weltumsegler, Naturforscher und Dichter, bleibt aber fatalistisch gestimmt. Seine multiple Lebenssituation (eine Gegenposition zur modischen Identitäts-Debatte der Gegenwart) prädestiniert ihn, sich für eine Poesie und Poetik des Okkasionellen zu öffnen, in der das Gewährenlassen eines unwillentlichen Anströmens von Erfahrungen eine entscheidende Rolle spielt. Diese den Gelegenheiten hingegebene Art zu Dichten, führt zu einem Reichtum der Themen und Motive, die sich in dem von Chamisso seinen Gedichten beigegebenen Apparat widerspiegeln, der in einem Katalog mitgeteilt wird. 

Der Aufsatz steht hier für 3 Euro zum Download bereit:

https://www.musikundaesthetik.de/article/99.120205/mu-29-4-24 

Eine Aufnahme des Orchesterwerks Nikolaus von Reznicek findet sich hier:

https://www.bing.com/videos/riverview/relatedvideo?q=Reznicek+Chamisso-Variationen&mid=4740C1CCE8EF18220CAF4740C1CCE8EF18220CAF&FORM=VIRE 

Sonntag, 21. Juni 2020

Chamissos Wünschelruthe

„Schläft ein Lied in allen Dingen, / Die da träumen fort und fort, / Und die Welt hebt an zu singen, / Triffst du nur das Zauberwort.“ Über diese Verse hat der Herausgeber Adelbert von Chamisso das Wort „Wünschelruthe“ gesetzt, das vom Autor Eichendorff gar nicht vorgesehen war. Mehr dazu in der F. A. Z.

Dienstag, 27. Februar 2018

"Das Dampfroß" in der F. A. Z.

"Dieses Gedicht nimmt geradezu Einsteins Relativitätstheorie vorweg. Das lyrische Ich verwandelt sich in einen rasenden Ritter, der Raum und Zeit verkrümmt", schreibt Gerhard Stadelmaier in der F. A. Z.: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/frankfurter-anthologie/frankfurter-anthologie-das-dampfross-von-chamisso-15464498.html

Montag, 6. Februar 2017

Die Rezeption von Chamissos Lyrik

Lutz Hagestedt in Paris (2011)
Der kürzlich verstorbene Ingenieur Hans Braam hat eine Datenbank hinterlassen, in der er Lyrik-Anthologien auswertete. Mit den Daten lassen sich Aussagen über die Beliebtheit, aber auch über das Verschwinden von Gedichten Adelbert von Chamissos machen. Bis heute lassen sich mit Braams Erhebung 128 verschiedene Chamisso-Gedichte in 192 Anthologien nachweisen, das entspricht 862 Abdrucken insgesamt und einer bruchlosen Überlieferung seit bald zweihundert Jahren. Auf dieser empirischen Basis hat Lutz Hagestedt 2011 bei der Chamisso-Konferenz in Paris einen Überblick über die Rezeptionsstränge von Chamissos Lyrik gegeben. Zu ihren Bewunderern gehörten Fontane und Thomas Mann, ausgegrenzt aus dem "ewigen Vorrat deutscher Poesie" wurde Chamisso von Rudolf Borchardt, der es an der Zeit fand, "dass der falsche Klassikername aus lyrischen Sammlungen verschwindet". Es widersprach seinem nationalkonservativen Dichtungsverständnis, dass ein gebürtiger Franzose in der Lage sein sollte, großartige deutsche Gedichte zu schreiben. Umso mehr höher war das Ansehen Chamissos beim liberalen und jüdischen Bürgertum. In Anlehnung an Brecht unterscheidet Hagestedt eine "pontifikale" und "profane" Linie der Lyrikrezeption - in der letzteren, stärker auf die gesellschaftliche Wirklichkeit bezogenen Tradition wurde Chamisso meistens gesehen. Mit gehöriger Verspätung ist der Vortrag von Lutz Hagestedt nun im Druck erschienen:

Hans Braam, Lutz Hagestedt: »Und mehr, als Ein zerrissen Lied | entströmte seiner Brust!« Aspekte der Chamisso-Rezeption in Moderne und Gegenwart. In: Philologia Sanat. Studien für Hans-Albrecht Koch zum 70. Geburtstag. Hg. von Gabriella Rovagnati und Peter Sprengel. Frankfurt/M. [u.a.]: Peter Lang 2016. S. 257–286. ISBN 978-3-631-67695-0.

Freitag, 11. März 2016

Ein Wendeheft zum Chamisso-Preis 2016

Die Robert Bosch Stiftung hat am 4. März in der Allerheiligen-Hofkirche der Münchner Residenz den 32. Adelbert-von-Chamisso-Preis verliehen: Die Schriftstellerinnen und Übersetzerinnen Esther Kinsky und Uljana Wolf erhielten beide den mit je 15.000 Euro dotierten Preis. Esther Kinsky wird für ihr bisheriges Gesamtwerk geehrt, insbesondere für ihren Roman "Am Fluss" (2014). Mit ihrem Werk habe sie sich "als sprachsensible Beobachterin menschlicher Existenz im 21. Jahrhundert erwiesen", so die Jury. Esther Kinsky fasse "die Gefährdungen und die Schönheit eines durch und durch interkulturell geprägten Daseins in betörende Sprachbilder." Laudatorin Katharina Raabe stellte heraus: "Hier liegt ein Werk vor, das einen Verdichtungsprozess dokumentiert. Diese Autorin hat Sätze und Verse geschrieben, von einer Schönheit, dass man sich fragt, wer es ihr in der deutschen Gegenwartsliteratur gleichtun könnte." Uljana Wolf erhält den Chamisso-Preis für ihr bisheriges Gesamtwerk, insbesondere für ihren Lyrikband "Meine schönste Lengevitch" (2013). Michael Braun unterstrich in seiner Laudatio: "Ins Lot kommt in diesen Spracherkundungen nichts, nichts ist erstarrt, alles bleibt in Bewegung, in Gegenbewegung. Und für diese Bewegung, für diesen Unruhezustand des Poetischen, in der uns jedes Wort alarmiert, erhält Uljana Wolf heute den Adelbert-von-Chamisso-Preis."
Zur Preisverleihung ist das Chamisso-Magazin Nr. 14 erschienen, das diesmal nichts Neues über den Namensgeber bringt, dafür ausführliche Porträts der aktuellen Preisträgerinnen und Beiträge zu Zsuszsanna Gahse, Franco Biondi, Rafik Schami und Ilma Rakusa - alle vier AutorenInnen sind PreisträgerInnen vergangener Jahre und feiern in diesem Jahr ihren 70. Geburtstag. Das Magazin steht online im PDF-Format hier zum Download bereit, die Printausgabe kann bei der Robert-Bosch-Stiftung angefordert werden und bietet ein besonderes Extra: Da es in diesem Jahr zwei gleichberechtigte Preisträgerinnen gibt, zeigt das Heft zwei Frontcover auf der Vorder- und Rückseite. Hat man dieses sogenannte Wendeheft bis zur Mitte gelesen, muss man es um 180 Grad drehen und kann dann vom anderen Titelblatt ausgehend die zweite Hälfte lesen.

Freitag, 31. Juli 2015

Zusammenführung zweier Sprachwelten - das Chamisso-Projekt von Dieter Kühn

Von Peter Sühring (Berlin). Wahrscheinlich hat noch kaum einer der Chamisso-Freunde davon Notiz genommen: Der kürzlich verstorbene Schriftsteller Dieter Kühn hat in seinem letzten Buch (Frühjahr 2015) u.a. auch sein fragmentarisches Chamisso-Projekt vorgestellt. Das Buch heißt „Die siebte Woge“ (nicht nach der alles vernichtenden „neunten Woge“!) und sammelt wie in einem Logbuch die entscheidenden Eckdaten und Erläuterungen zu sieben Projekten seiner schriftstellerischen Laufbahn, hinter die er „nicht erleichtert den Schlusspunkt setzen konnte“ oder vielmehr musste.
Wer sich fragte, wie Kühn früher einmal auf die Idee gekommen sein mochte, in seiner fiktiven Biografie des in Lemberg wirkenden Mozart-Sohns Franz-Xaver diesen während eines Berlin-Aufenthalts mit Chamisso zusammenzubringen, um mit ihm über ein Opernlibretto mit dem Titel „Die Überfahrt“ zu verhandeln, der wird nun mit der tiefer sitzenden Faszination und Sympathie, die Kühn mit Chamisso verband, vertraut gemacht. Im Kapitel Eins der siebten Woge mit dem Titel „Dichter und Botaniker“ beginnt Kühn seine Begegnung mit Chamisso in Berlin im Kreuzberg-Museum beim Besteigen eines dort aufgestellten Nachbaus der Rurik und sitzt dort in Chamissos Kajüte. Von dieser Erfahrung ausgehend einwickelt er den Plan, die „beiden Sprachwelten“ Chamissos, die des prosaischen und lyrischen Dichters sowie die des Naturwissenschaftlers zusammenzuführen, „wie Chamisso selbst das leider nie versucht hat“.
Es kommen auf den Seiten 13‑44 dann brisante Gedichtexperimente zustande. Eine Engführung von Poesie, Reiseerfahrung und Pflanzenwelt bewirkt Entwürfe zu einem lehrhaften Erzählgedicht, die in der von Chamisso bevorzugten Versform der Terzine abgefasst sind. Es werden aber auch vorerst unbeantwortbare Fragen hervorgerufen, die uns am wenigsten der nun tote Schriftsteller Dieter Kühn wird beantworten können. Auf halbem Wege steckengeblieben, verkündet er nur: „Unter seiner Schädeldecke: beide Welten! Dichter Chamisso und Naturforscher Chamisso in Personalunion. Wegbereiter, Wegbegleiter. Ich muss ihn an meiner Seite sehen, sonst komme ich nicht weit.“ Und darum endet das (un)mögliche Projekt auch virtuell wieder im Nachbau des dreijährigen Ambientes von Chamisso im Berliner Kreuzberg-Museum in der Adalbert-Straße, nahe „Kotti“.

Eine Leseprobe aus Volker Kühns Buch mit Chamisso-Bezug finden Sie hier.
Zum Beitrag von Peter Sühring über "Ein Mozart aus Galizien" geht es hier.

Samstag, 30. Mai 2015

Ruth Klüger über "Das Schloss Boncourt"

Die letzte Strophe habe ihr das Gedicht beinahe verdorben, schreibt die Literaturwissenschaftlerin Ruth Klüger heute in der FAZ, aber eben nur beinahe - zu sympathisch ist ihr die Wendung des Gedichts, in der Chamisso den Verlust des Schlosses seiner Kindheit akzeptiert, um der Versöhnung mit den Menschen willen, die später auf den Ruinen heimisch geworden sind. Hier ist die Interpretation nachzulesen. 

In dem Dorfkirchlein von Ante/Champagne (Foto) wurde Chamisso getauft. Anders als das Schloß seiner Vorfahren ist es erhalten. 

Donnerstag, 13. November 2014

Frauenliebe mal anders

Dass man mit dem Liederzyklus Frauenliebe und -leben von Schumann/Chamisso auch sehr frei, frech und kreativ umgehen kann, belegt eine Besprechung aus Salzburg.

Foto: http://www.drehpunktkultur.at/images/stories/bi14-11/032.jpg (Mozarteum Salzburg Oliver Roeckle)

Montag, 13. Oktober 2014

Bilder aus Kamtschatka im Kreuzberg-Museum

Foto: Ulrich Wannhoff
Der in Berlin-Kreuzberg lebende Maler und Fotograf Ulrich Wannhoff hat Werke von Chamisso und E. T. A. Hoffmann illustriert, und er ist wiederholt auf den Spuren Chamissos nach Kamtschatka gereist. Im Kreuzberg-Museum zeigt er zusammen mit dem Lyriker Scardanelli am 14. 10. um 20 Uhr eine Bildprojektion mit Musik und Texten unter dem Titel "Seltene Erden - Kamtschatka".

Mittwoch, 8. Januar 2014

Chamisso-Abend am 18. Januar 2014 in der Akademie der Wissenschaften

Europa ist das Jahresthema 2013/14 der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, in diesem Kontext findet im Berlin-Salon am 18. 1. 2014 ein Abend zu Chamisso als "großem Europäer" statt, der er zweifellos war. Neben Gesprächen von Chamisso-Experten sind auch Gedichtvorträge von Hanns Zischler und Liedvorträge mit Vanessa Barkowski geplant. Das Programm finden Sie hier.

Samstag, 19. Oktober 2013

Leiziger Völkerschlacht: Der Invalid im Irrenhaus

Napoleon bei Leipzig
Bildquelle: Wikipedia
»Leipzig, Leipzig! arger Boden, Schmach für Unbill schafftest du. Freiheit! hieß es, vorwärts, vorwärts! Trankst mein rotes Blut, wozu?« Diese Zeilen schrieb Adelbert von Chamisso 1827 – 14 Jahre nach der Völkerschlacht. Welche Verzweiflung, welche Verbitterung sprechen aus diesen Worten – und drücken damit die Dramatik der Völkerschlacht und ihrer Folgen aus. In der seit der Antike wohl größten Schlacht kämpften mehr als eine halbe Million Soldaten gegeneinander. Gut 100.000 wurden getötet oder verwundet. Und das Leid derjenigen, die an der Schlacht gar nicht beteiligt waren, die Menschen, die in Leipzig und den Dörfern rund um die Stadt lebten, ist hier noch gar nicht erfasst...  Mit einem Chamisso-Zitat hat der sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich seine Ansprache zum 100. Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig eingeleitet. Die ganze Rede lesen Sie hier.

Mittwoch, 12. Oktober 2011

Liebe im Herbst

"Dann kam der Herbst, der Winter gar, / Die Schwalbe zog, nach altem Brauch, / Und: lieben? - lieben immerdar? - / Es wurde kalt, es fror uns auch." Bernd Ballmann hat aus London einen geistreichen Kommentar zur Verwendung der Partikel auch in Chamissos Gedicht Lebe wohl (1827) geschickt. Gedicht und Kommentar lesen Sie, wenn Sie auf den Titel oben oder den Link unten ("Weitere Informationen") klicken.

Mittwoch, 27. April 2011

Gedicht gesucht!

Wer kann helfen? Bei Nachlassrecherchen in Chamissos Notizbüchern bin ich auf die folgenden handschriftlichen Zeilen gestoßen: "Scherze (doch?) über das Leben (...) Das ist ja die Weisheit eben / Bleibe jeder der er ist / Bleibe du ja was du bist / Denn du könntest nur verlieren / Und du kannst ja nur verlieren ?" - Die Internetrecherche danach, wo diese Verse verwendet wurden, führt auf christliche Websites mit Gedichten zur Konfirmation, da steht dann:

Wie du bist
von Adelbert von Chamisso

Fest bewahre dir die Treue,

lebe, wie dir's Gott gegeben.

Das ist ja die Weisheit eben,

und das weiß ein jeder Christ,

bleibe jeder, der er ist.

Liebe liebliche Natur,

du verlörest immer nur,

bleibe du ja, wie du bist.

Gesucht wird nun eine seriöse Quelle für dieses Gedicht, das in der maßgeblichen Werkausgabe von Volker Hoffmann unauffindbar ist. Wer kennt eine Werkausgabe bzw. ein Gedicht, aus der diese Verse in den Kirchengebrauch übergegangen sein könnten? Für alle Hinweise dankt der Webmaster.