Dieses Forum dient dem Austausch über Projekte, die sich mit dem Dichter und Naturforscher Adelbert von Chamisso (1781-1838) beschäftigen. Wenn Sie Chamisso-Projekte vorstellen möchten, Unterstützung suchen oder Veranstaltungen ankündigen wollen, können Sie das auch als nicht registrierter Nutzer tun: Schicken Sie bitte eine Mail mit Ihren Informationen und Fragen an den Webmaster Michael Bienert.
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Samstag, 23. Oktober 2021

Magische Spiegelungen - Johann Erdmann Hummel in der Alten Nationalgalerie

Spieglein, Spieglein an der Wand: Niemand hat im frühen 19. Jahrhundert vertracktere Licht- und Schattenspiele in verspiegelten Bildräumen konstruiert als der Berliner Malerprofessor Hummel. Die Berliner Nationalgalerie feiert ihn als magischen Realisten, hundert Jahre vor dem Triumphzug der Neuen Sachlichkeit. 

Von Michael Bienert.  Als der Maler Johann Erdmann Hummel im Frühjahr 1799 nach einem siebenjährigen Studienaufenthalt in Italien in seine Heimatstadt Kassel zurückkehrte, wurde er nicht mit offenen Armen empfangen. Um sich als Hofmaler zu empfehlen, arbeitete er an einem großformatigen Bild, das die Gegend um Schloss Wilhelmshöhe als ideale Parklandschaft darstellte. Hirten, Bürger und Adelige bevölkern das Panorama, in dem eine tief stehende Nachmittagssonne die hügelige Landschaft besonders plastisch erscheinen lässt und der Herkules am Horizont im blauen Dunst verschwimmt. Doch das mit größter Raffinesse komponierte und filigran gemalte Bild mochte der Landgraf von Hessel-Kassel nicht ankaufen. Erst 1968 wurde es für die Kasseler Kunstsammlungen erworben.

Recht unauffällig hängt dieses Hauptwerk der Kasseler Zeit nun in der Alten Nationalgalerie in Berlin, die Hummel die erste große Retrospektive seit fast 100 Jahren widmet. Der Fokus liegt hier auf der Entwicklung, die Hummel nach dem Abschied von seiner Heimatstadt in Preußen genommen hat. Mit Anfang Dreißig kam er nach Berlin, ein halbes Jahrhundert lebte, arbeitete und lehrte Hummel an der Spree, ehe er 1852 hochbetagt mit 83 Jahren starb. Er war demnach ein Zeitgenosse Caspar David Friedrichs, dessen Ikonen romantischer Malerei – wie der „Mönch am Meer“ und die „Abtei am Eichwald“ – im Oberlichtsaal nebenan das Publikum fesseln. Beide Maler erregten im frühen 19. Jahrhundert maximales Aufsehen in den Kunstausstellungen, die die Berliner Akademie regelmäßig ausrichtete. Doch anders als dem Popstar Caspar David Friedrich war Hummel postum nur bescheidener Ruhm beschieden. 

Dass Hummel heute in Berlin überhaupt noch einen Namen hat, verdankt sich vor allem einem einzigen Motiv. Als Maler begleitete Hummel um 1830 den Entstehungsprozeß der riesigen Granitschale, die vor Schinkels Altem Museum im Lustgarten steht. Die 75 Tonnen schwere Riesenschüssel aus märkischem Granit galt seinerzeit als kunsthandwerklich-technologisches Weltwunder und vaterländisches Symbol. Hummel schuf mehrere Bilder, in denen der Koloss im Mittelpunkt steht. Auf seiner berühmtesten Stadtansicht spiegeln sich Spaziergänger, Lustgarten und Schloss in der auf Hochglanz polierten Oberfläche der Schale. So unverrückbar wie der Trumms auf der Museumsinsel steht, so unverzichtbar schmückt dieses Gemälde Hummels die Dauerpräsentation von Berliner Malerei des 19. Jahrhunderts in der Nationalgalerie. Ein One-Hit-Wonder, welches fast das gesamte übrige Oeuvre Hummels in den Schatten stellt. Weiterlesen auf www.text-der-stadt.de/Hummel.html

Dienstag, 1. Dezember 2015

Weltreise - Ulrike Ottingers großartige Ausstellungsinstallation in der Staatsbibliothek

Von Michael Bienert - Die Weltreisenden des 18. und 19. Jahrhunderts hatten nicht die Möglichkeit zu fotografieren und filmen, sie mussten genau hinschauen, zeichnen, beschreiben und sammeln. Adelbert von Chamisso ließ sich von Eskimos kleine Walmodelle aus Holz schnitzen, nach denen er später Zeichnungen anfertigte. Beides ist nun in der Staatsbibliothek zusammen mit Filmaufnahmen zu sehen, die die Künstlerin und Filmemacherin Ulrike Ottinger von einer Reise in die Beringsee mitgebracht hat. In einer brillanten Großprojektion ist das Auftauchen der Wale von einem schwankenden Schiff zu erleben: Buckel, Schwanzflosse und Atemstrahl, ein großartiges Schauspiel, wie es sich nicht anders dem Naturforscher Chamisso auf dem russischen Segelschiff "Rubrik" bot.

Dienstag, 2. September 2014

Schlemihl im Brücke-Museum

Das Buch zur Ausstellung ist im Prestel-Verlag
erschienen. Mehr dazu
"Als ´blutigen Karneval´ hat Ernst Ludwig Kirchner den Ersten Weltkrieg erlebt. Sein Holzschnittzyklus zu Adelbert von Chamissos Novelle Peter Schlemihls wundersame Geschichte (1915) zeigt ihn als gebrochene, von Krankheit, Angstzuständen und Depressionen gezeichnete Figur. Das Brücke-Museum kann in seiner Ausstellung erstmals alle fünf Folgen dieses Zyklus präsentieren, der einen Höhepunkt nicht nur in Kirchners druckgrafischem Werk, sondern für den expressionistischen Holzschnitt überhaupt darstellt. Ein Exemplar dieser Bilderfolge, die aus 6 Holzschnitten, einem Titelblatt und einer Umschlagslithografie besteht, besitzt das Brücke-Museum selbst, die anderen sind vom Kunstmuseum Basel, dem Städel in Frankfurt am Main, dem Museum Folkwang in Essen und der National Gallery of Art in Washington ausgeliehen worden. Jede Folge, jedes Blatt, jeder Abzug unterscheidet sich voneinander – und kann somit als Unikat angesehen werden", berichtet Klaus Hammer auf literaturkritik.de in einer ausführlichen Besprechung zur Ausstellung des Bilderzyklus im Brücke-Museum. Weiterlesen

Montag, 3. Dezember 2012

Chamissos Büste - eine Vermutung

1887, ein Jahr vor der Errichtung des Chamisso-Denkmals am heutigen Monbijou-Park in Berlin,  brachte das beliebte Familien-unterhaltungsblatt Die Gartenlaube eine unkommentierte Abbildung der Büste des Dichters, die anlässlich des bevorstehenden 50. Todestages bei dem Bildhauer Julius Moser in Auftrag gegeben worden war. Die Bildunterschrift deutet an, dass es  sich um einen Entwurf und noch nicht um das in teurem Carrara-Marmor ausgeführte Werk selbst handelt. Wenn ja, was wurde dann aus dieser ersten Büste? War es dieselbe, die der Botaniker Gustav Lindau, bis 1906 wissenschaftlicher Assistent am Botanischen Museum (danach Professor), über der Tür der Bibliothek betrachtet und bedichtet hatte, wie Bernd Ballmann herausfand?  Bibliothek und Sammlungen waren 1879 von der Potsdamer Straße in das neue Gebäude am Wilmersdorfer Weg umgezogen. Hatte der Bildhauer die Gipsbüste  zu Ehren ihres ehemaligen zweiten Kustos Adelbert von Chamisso der Bibliothek geschenkt? Wenn es so war, dann wurde sie wohl mitsamt der Bibliothek des Museums bei der Bombardierung von Berlin im Januar 1943 zerstört.


Anm. der Redaktion: Mit diesem Beitrag reagiert die Chamisso-Biografin auf den Eintrag Chamisso-Büste gesucht! vom 5. November 2012. Die Antwort von Bernd Ballmann finden Sie unten im Kommentar.

Freitag, 28. Oktober 2011

Unerwartete Begegnung

Chamisso zieht seine Kreise, seine Bahnen, seine Routen, immer wieder neu: In diesem Fall hat die Künstlerin und Filmemacherin Ulrike Ottinger seine Reisewege mit roten Fäden auf eine riesige, alte Weltkarte gestickt. Die gestickten Spuren kreuzen und überlagern sich mit den Routen Marco Polos.

Mittwoch, 27. Oktober 2010

Chamissos Schatten

Jeder, der vor vier Jahren die Ausstellung "Mit den Augen des Fremden. Adelbert von Chamisso – Dichter, Naturwissenschaftler, Weltreisender" im Berliner Kreuzberg-Museum gesehen hat, erinnert sich noch gut an den phantastischen Nachbau von Chamissos Schiffskoje auf der RURIK, in der der Weltreisende drei Jahre schlief, träumte und dichtete. Koje und Ausstellung sind mittlerweile abgebaut worden; der Katalog zur Ausstellung, die von Ulrike Treziak und Ellen Röhner gestaltet worden war, ist aber noch lieferbar und als reich bebildertes Lesebuch eine der besten Einführungen in Chamissos Welt. Zwischen alten Buchdruckpressen und Setzkästen muss wohl Chamissos Schatten im Haus an der Adelbertstraße hängengeblieben sein. In der historischen Druckwerkstatt des Museums hat Peter Renn, der 2006 am Rurik-Modell mitgebaut hatte, mit zehn-bis zwölfjährigen Kindern aus dem Kiez einen Linolschnittzyklus mit 80 Blättern zu "Peter Schlemihls wundersamer Geschichte" geschaffen, die man dort betrachten kann, alles absolut kostbare Einzelstücke.

Hier rollt der graue Mann gerade Schlemihls Schatten vom Rasen auf. Und so hier sieht Peter Schlemihl als weltreisender Botaniker mit Pantoffeln, Botanisierkapsel und Siebenmeilenstiefeln aus.

Montag, 11. Oktober 2010

Schlemihl in Uniform

1911 wunderte sich Thomas Mann noch, wie der "Ausländer" Chamisso mit seinen Gedichten im "Erdreich" der deutschen Dichtung überhaupt Wurzeln schlagen konnte. Drei Jahre später schlugen Deutsche und Franzosen dann nur noch mit Giftgas und Granaten aufeinander ein. Und als der Maler und Grafiker Ernst Ludwig Kirchner zu Weihnachten 1915 eine Mappe mit Farbholzschnitten zu "Peter Schlemihls wundersamer Geschichte" an seine Freunde verteilte, ließ er vorsichtigerweise den Namen des Autors auf dem Titelblatt weg: zu französisch. Jetzt gibt es in der Reclam Bibliothek eine preisgünstige und schön gemachte Ausgabe von "Peter Schlemihls wundersamer Geschichte", die Chamisso 1813 im brandenburgischen Kunersdorf mitten im Krieg gegen das napoleonische Frankreich geschrieben hat, mit den sechs (mit dem Titelblatt sieben) Illustrationen von Kirchner. Die Rolle des grauen Mannes, der dem armen Schlucker Peter Schlemihl seinen Schatten abkauft, übernehmen hier die "uniformierten Teufel", die Kirchner dazu gebracht hatten, sich "unfreiwillig-freiwillig" als Soldat in den Krieg schicken zu lassen. Der Schweizer Literaturkritiker und Schriftsteller Peter von Matt hat dazu eine kleine Studie über den Außenseiter als sozialen Typus beigesteuert und die Kunsthistorikerin Anita Beloubek-Hammer den Außenseiter Kirchner aus seinen Blättern feinfühlig porträtiert.