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Freitag, 1. März 2013

CHAMISSO-Magazin Nr. 8 erschienen - Interview zur Digitalisierung des Nachlasses

Aus Anlass der Verleihung der Chamisso-Literaturpreise am 28. Februar ist das achte CHAMISSO-Magazin der Robert-Bosch-Stiftung erschienen, das die drei Preisträger ausführlich vorstellt und das hier zum kostenlosen Download bereitsteht. 

Das Magazin enthält auch das unten wiedergegebene Interview von Michael Bienert mit den drei Mitarbeiterinnen der Staatsbibliothek zu Berlin, die den Nachlass Adelbert von Chamissos erschließen. 1938 ging er aus Familienbesitz an die Staatsbibliothek, nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er in die Sowjetunion verschleppt und kehrte 1958 nach Ost-Berlin zurück. Mit Hilfe der Robert-Bosch-Stiftung wird der schriftliche Nachlass zur Zeit wissenschaftlich erschlossen, digitalisiert und im Internet veröffentlicht. Jutta Weber leitet das Projekt, sie hat es als stellvertretende Leiterin der Handschriftenabteilung in der Staatsbibliothek auf den Weg gebracht. Anja Krüger als Diplom-Archivarin und die Literaturwissenschaftlerin Monika Sproll arbeiten sich seit Anfang 2012 Blatt für Blatt durch den umfangreichen Nachlass.

Jutta Weber, Anja Krüger, Monika Sproll
in der Staatsbibliothek zu Berlin
CHAMISSO: Die Staatsbibliothek besitzt viele bedeutende Nachlässe, was zeichnet den von Chamisso besonders aus?
JUTTA WEBER: Es ist ein ungewöhnlich vollständiger Nachlass, er umfasst alle Arten von Dokumenten, die man sich nur wünschen kann: Briefe, Urkunden Reiseaufzeichnungen, Notizbücher, Werkmanuskripte, das meiste unveröffentlicht. Das alles korrespondiert mit anderen Handschriften in der Staatsbibliothek, die viele Nachlässe von Gelehrten des frühen 19. Jahrhunderts besitzt, etwa der Brüder Grimm, der Brüder Humboldt, der Philosophen Fichte und Hegel...
ANJA KRÜGER: Ich bearbeite die Familienbriefe und finde die Geschichte von Chamissos Familie, die wegen der Französischen Revolution 1792 nach Deutschland floh und später teils hier, teils in Frankreich lebte, hoch interessant. Für mich als Archivarin war es aber auch sehr spannend, die Geschichte des Nachlasses herauszuarbeiten. Auf den Nachlasszetteln stehen kleine Zahlen, wir haben inzwischen herausgefunden, dass es sich um Altsignaturen handelt. So können wir jetzt rekonstruieren, was fehlt oder vielleicht später hinzugekommen ist.
MONIKA SPROLL: Für die Literaturwissenschaft ist günstig, dass wir die Materialien eines ganzen Dichterlebens beisammen haben. Man kann nachvollziehen, wie der junge Chamisso sich vom Lyriker zum Prosaautor entwickelt und sich dann doch entscheidet, bei der Lyrik zu bleibt. Man sieht sein Interesse an den Literaturen Europas und über Europa hinaus. Interessant finde ich auch, dass Chamisso in der Literatur die Phantastik liebte, aber als  Wissenschaftler ein strenger Empiriker war. Das war zu seiner Zeit nicht selbstverständlich.
JUTTA WEBER: Das ist ein Nachlass, der nicht nur Literaturwissenschaftler begeistert, sondern auch Naturwissenschaftler!
CHAMISSO: Wann entstand die Idee zur digitalen Veröffentlichung?
JUTTA WEBER: Ich habe die Leitung des Referats „Nachlässe und Autographen“ in der Staatsbibliothek 2004 übernommen und mich gewundert, dass dieser Nachlass so unbearbeitet geblieben ist. Er steckte immer noch in den russisch beschrifteten Mappen aus der Zeit seiner Auslagerung in die Sowjetunion. In den letzten Jahren rückte die Möglichkeit digitaler Veröffentlichungen generell immer mehr ins Blickfeld. Durch die finanzielle Beteiligung der Robert-Bosch-Stiftung wurde daraus ein reales Projekt. Eine Rolle hat auch gespielt, dass Chamissos Nachlass – so komplex er ist – noch überschaubar ist, es sind 35 Archivkästen. Dies ist das erste Projekt dieser Art, das die Staatsbibliothek angeht, auch weltweit gibt es kaum etwas Vergleichbares: dass ein Nachlass komplett erschlossen und für jedermann zugänglich ins Netz gestellt wird.
CHAMISSO: Warum braucht die Staatsbibliothek dafür die finanzielle Hilfe der Robert-Bosch-Stiftung?
JUTTA WEBER: Länger dauernde Projekte können wir nicht mit unserem eigenen Personal bewältigen, weil die rasche Bearbeitung von Nutzerwünschen immer Vorrang hat. Frau Krüger und Frau Sproll arbeiten kontinuierlich am Nachlass, bei dieser komplexen Aufgabe muss das so sein, sonst wird das nichts.
CHAMISSO: Und wie gehen Sie vor?
KRÜGER: Frau Sproll ist für die wissenschaftliche Tiefenerschließung der Manuskripte und Briefe zuständig, ich unterstütze sie bei der Entzifferung und der Klärung von Datierungen, recherchiere Personen und Orte, packe die Nachlassmaterialien in säurefesten Mappen und Kästen um, gebe die Daten in „Kalliope“ ein...
CHAMISSO: Erklären Sie bitte kurz, was „Kalliope“ ist!
WEBER: Eine Verbunddatenbank für Nachlässe und Autographen in Deutschland, die von mir in der Staatsbibliothek aufgebaut worden ist. Sie geht auf die 1966 begründete Zentralkartei der Autographen zurück, einen Katalog mit über einer Million Zettelnachweisen. Diese Nachweise sind inzwischen in diese nationale Datenbank überführt worden, bei der 500 Institutionen in Deutschland ihre Autographen melden. Dadurch werden Verbindungen unseres Chamisso-Nachlasses zu Handschriften anderswo in Deutschland sofort sichtbar, zum Beispiel zu denen im Deutschen Literaturarchiv in Marbach.
CHAMISSO: Die Datensätze in „Kalliope“ sind sehr umfangreich, so verzeichnen sie bei jedem einzelnen Brief Chamissos alle erwähnten Personen, aber auch Orte, Publikationen, Tier- und Pflanzennamen, damit man danach in der Datenbank suchen kann. Frau Sproll, wie gehen Sie als Literaturwissenschaftlerin damit um, dass sie plötzlich Dutzende botanischer Bezeichnungen richtig einordnen sollen?
SPROLL: Die erwähnten Publikationen kann man bibliographisch erschließen, für die botanischen und zoologischen Begriffe gibt es historische Wörterbücher. Es ist aber oft nicht ganz einfach, in der Handschrift die Fachbegriffe überhaupt richtig zu entziffern. Dabei hilft das Internet sehr, zum Beispiel kann ich bei Google Books prüfen, ob der Begriff, den ich gelesen habe, in älteren Werken auftaucht.
WEBER: Es ist ein glücklicher Zeitpunkt für solch eine Arbeit, vor acht Jahren standen viele Hilfsmittel online noch gar nicht zur Verfügung. Wir sitzen hier zwar in einer riesigen Bibliothek mit Millionen Büchern, aber man muss das richtige Buch erstmal finden...
SPROLL: Internetfachportale, zum Beispiel zur Biologie, sind eine große Hilfe. Wir können so viel schneller arbeiten. Aber natürlich bestellen wir auch viele Bücher. Und wir haben inzwischen viele Kontakte zu Botanikern und Zoologen aufgebaut, so kann ich meine Recherchen fachkundig überprüfen lassen.
CHAMISSO: Hat sich ihr Blick auf Chamisso durch die Arbeit verändert?
KRÜGER: Beim Bearbeiten der deutschen und französischen Familienbriefe bin ich oft berührt von dem engen Zusammenhalt in der großen Familie. Man erfährt viel über die Beziehung zu seiner Frau, den Brüdern, den Schwägerinnen und ihren Kindern. Chamissos Neffen in Frankreich haben ihn sehr bewundert. Ich lese immer wieder gern in den Briefen, obwohl die inhaltliche Tiefenerschließung nicht meine eigentliche Aufgabe ist...
SPROLL: Es ist hochinteressant, in diese Zeit einsteigen zu können, in den Alltag, in das literarische und wissenschaftliche Leben. Immer wieder kommen spannende Briefe auf den Tisch, die Bezüge zu anderen Dichtern herstellen. Es ist sehr amüsant zu lesen, wie Chamisso und Gustav Schwab sich als Herausgeber des „Deutschen Musenalmanachs“ ein Urteil über die Gedichte anderer Autoren bilden. Wir haben auch einige Briefe von E. T. A. Hoffmann an Chamisso im Nachlass. In einem bittet Hoffmann um ganz konkretes Fachwissen, weil er eine Satire über zwei Zoologen schreiben will, die wegen einer Laus in Streit geraten.
WEBER: Für mich ist es beglückend zu sehen, wie hier eine junge Archivarin ihre präzisen Recherchen und eine Literaturwissenschaftlerin ihr Hintergrundwissen über die Zeit zusammenbringen, und zwar so, dass die Ergebnisse sofort in der Internetdatenbank zu sehen sind. Es ist hier nicht so, dass endlos an einer Edition gearbeitet wird, die dann vielleicht nach 10 oder 20 Jahren vorliegt. Hier haben zwei junge Forscherinnen sofort die Chance, ihr Wissen mit der Welt zu teilen.
CHAMISSO: Werden die Digitalisate des Nachlasses auch für jedermann frei zugänglich sein?
WEBER: Ja! Und neu ist auch, dass jeder sofort unsere Arbeit mit den Handschriften überprüfen kann. Bei aller Sorgfalt gibt es immer Fehler bei der Entzifferung, die lassen sich in der Onlinedatenbank aber sehr schnell korrigieren.
SPROLL: Unsere Arbeitsform führt dazu, dass der Leser oder Nutzer selbständig an den Materialien arbeiten kann. Wie bieten eine Hilfestellung, aber keine Interpretation im voraus. So gibt es bei Briefen keine eigene Inhaltszusammenfassung (wie bei einer Regestedition), sondern eine Inhaltserschließung nach suchbaren Schlagworten; die Leser können den gesamten Inhalt dann selber studieren, das finde ich sehr wichtig.
WEBER: Wir stehen an einem Wendepunkt, wo sich durch die Digitalisierung das wissenschaftliche Arbeiten verändert. Das ist keine Arbeit mehr im einsamen Kämmerlein, vielleicht ein Leben lang, sondern man geht sehr schnell an die Öffentlichkeit. Neu ist bei unserem Projekt auch die Zusammenarbeit mit den Fachleuten in den Universitäten oder im Naturkundemuseum, ich würde mir wünschen, dass so etwas häufiger stattfindet und dass die Kooperation auch international ausgebaut wird. Gerade bei Chamisso mit seinen Verbindungen nach Frankreich oder Russland, er ist ja auf einem russischen Forschungsschiff um die Welt gesegelt und sein Herbarium liegt in St. Petersburg. Wir wollen in einer zweiten Projektphase auch die Chamisso-Bestände in anderen Sammlungen und Museen einbinden.
KRÜGER: Die formale Erschließung des Nachlasses in der Staatsbibliothek ist im Juni 2013 abgeschlossen, bei der inhaltlichen Erschließung bleibt noch einiges zu tun. Wir wollen ein eigenes Internetportal für den Chamisso-Nachlass schaffen, wo man – anders als „Kalliope“ – auch Benutzungshinweise und erläuternde Kommentare finden kann.
CHAMISSO: Sie sagten, der Berliner Nachlass sei relativ vollständig, gibt es denn noch mehr?
KRÜGER: Wir haben einen Kasten Briefe von Chamisso in der Staatsbibliothek, aber sieben Kästen mit Briefen, die an ihn gerichtet sind. Das heißt, etliche Briefe Chamissos müssen anderswo, nämlich in den Nachlässen seiner Korrespondenzpartner, verblieben sein. Danach können wir jetzt gezielt fahnden.


Briefe an Chamisso, unter anderem von
E. T. A. Hoffmann, in russischer Verpackung.

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